
Elf Jahre nach «UZMO – Denken mit dem Stift» erscheint «UZMO 2 – Probleme lösen mit dem Stift». Conny Schwegler traf den Autor, Martin Haussmann, zum Interview. Sie wollte von ihm wissen, was «UZMO 2» von «UZMO» unterscheidet und für wen Martin Haussmann sein neues Buch geschrieben hat.

Conny Schwegler: Martin, vor 11 Jahren ist «UZMO – Denken mit dem Stift» erschienen. Jetzt hast du mit UZMO 2 einen Nachfolger herausgebracht. Was ist der Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Buch?
Martin Haussmann: Man könnte sagen, UZMO 2 macht da weiter, wo UZMO aufgehört hat. Wer UZMO hat, kennt das «Riesenrad» – eine Methode, die stellvertretend für alle Möglichkeiten der Visualisierung im Dialog steht. Die Frage «Was macht das Zeichnen während des Gesprächs?» hat mich nicht mehr losgelassen. Gleichzeitig hab ich festgestellt, dass es viele Bücher über Sketchnoting und visuelles Präsentierengibt. Aber kein einziges befasst sich tiefgehend mit Dialog-Visualisierung.
Wie ich euch bei bikablo kenne, habt ihr irgendwann angefangen, eigene Methoden zu entwickeln …
Du kennst uns wirklich gut! Tatsächlich waren das unsere wichtigsten Projekte in den vergangenen Jahren. Herausgekommen sind Trainingsformate wie «Visual MeetingFacilitation» und «Visual Process Mapping», die wir ja auch schon in der Schweiz angeboten haben. Es ging aber nicht nur um Fortbildungskonzepte – wir begleiten ja auch Unternehmen in Transformationsprozessen, da spielt das Bild im Dialog eine wichtige Rolle.
Während der Corona-Zeit habe ich irgendwann damit angefangen, mit dem iPad Menschen per Videokonferenz in ihren Entwicklungsthemen zu unterstützen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich, um weiterzukommen, auch ein methodisches Framework brauche. Deshalb habe ich eine aufwändige Ausbildung zum Systemischen Business Coach absolviert. So haben sich die Inhalte von UZMO 2 über die Jahre immer weiter zusammengefügt …
… zu etwas, das du in UZMO 2 «Visual Solution Scouting» nennst. Warum ein neues Wort – und was verbindest du damit?
Die Welt ist ja nicht arm an Fachbegriffen, vor allem in der Visualisierungs-Szene. Trotzdem war es mir wichtig, alles, was ich in vielen Probeläufen, Feedbacks und Recherchen für das Buch entwickelt habe, mit einem neuen Begriff zu verbinden. Es ist für mich eine Vision: Zwei Köpfe, ein Stift, eine Lösung. Was wäre möglich, wenn wir in unseren Beratungsgesprächen das ganze Potenzial des visuellen Denkens nutzen würden? Visual Solution Scouting ist eine Praxis, die ich mit allen möglichen Beratungsrollen verbinden kann: als Coach, als IT-Beraterin, die mit Kunden zusammen Datenprozesse entwickelt, als Finanzvertriebler, der mit seiner Kundin eine Altersvorsorge konzipiert, als Strategieberaterin, Facilitator, Teamleiterin und so weiter. Die Möglichkeiten sind beinahe grenzenlos.
Alle können in ihrer Rolle zum «Pfadfinder mit dem Stift» werden, das sagt der Begriff «Scout» aus.
Was brauche ich, um ein Visual Solution Scout zu werden?
Genau darum geht es in UZMO 2: Du brauchst erst einmal ein Verständnis dafür, dass Bilder überall sind: in unserer Umwelt, in unserem Denken, in unserer Sprache, ja sogar unsere Gesten sind «grafisch». All die Bilder, die bei dir und deinem Vis-à-vis entstehen, kannst du als Transportmittel nutzen: Du zeichnest sie auf und stellst sie so dem Gespräch zur Verfügung. Sie dienen dann als Gedankenkatalysatoren, Ideenbeschleuniger, Türöffner oder Verdeutlicher – je nachdem, welches Ziel mit dem Gespräch verfolgt wird respektive was als «Lösung» definiert wird.
So ganz spontan ein Sprachbild bei meinem Kunden heraushören, aufzeichnen und weiterentwickeln – muss ich da nicht unglaublich gut zeichnen können?
Das könnte man meinen. Und das ist tatsächlich auch die Scheu vieler Menschen: Wir haben den Anspruch, dass etwas detailliert und originalgetreu gezeichnet sein muss, um im Gespräch einen Unterschied zu machen. Das ist aber gar nicht nötig. Ein paar Striche reichen.
Kannst du ein Beispiel nennen?
Eine Klientin kam einmal mit einer dringenden Karriereentscheidung zu mir. Ich fragte sie: «Welches Bild kommt dir für deine Situation in den Sinn?» Sie antwortete spontan: «Ichstehe an einem Abgrund und weiss nicht weiter.» Ich habe ihr einfach diese Zeichnung angeboten. Sie meinte: «Ja, genau – und jetzt, wo ich das sehe, merke ich: Ich kann von da aus viele Möglichkeiten sehen!» Du siehst: Zeichnerisch ist das kein grosses Meisterwerk. Aber es hat ihr geholfen, aus ihrem Drama in den «Lösungsrahmen» zu kommen, wie man in der systemischen Arbeit sagt.

Im Buch beschreibst du viele solcher Methoden, die mit ein paar einfachen Strichen auskommen. Was brauche ich noch, um meinem Klienten oder meiner Kundin weiterzuhelfen?
Natürlich kannst du einfach drauflos zeichnen, aber dann läufst du Gefahr, dass dabei zwar ein interessantes Bild herauskommt, deine Gesprächspartnerin mit ihrem Thema aber nicht wirklich weiter ist. Diesen Fehler habe ich früher oft gemacht. Inzwischen ist mir klar geworden, dass es ausser ein paar einfachen Bildern im Kopf auch ein methodisches Framework, ein absichtsvolles Vorgehen und eine prozessbegleitende Haltung braucht. Aus der langjährigen Arbeit in Organisationsentwicklungs-Projekten mit bikablo® und den Kommunikationslotsen, aber auch aus meiner systemischen Ausbildung habe ich da eine ganze Menge Prozesswissen für meine visuellen Beratungsgespräche erlangt.
Hast du auch dafür ein Beispiel?
In der Systemtheorie heisst es beispielsweise, dass wir in der Kommunikation immer selektieren, also Entscheidungen treffen: Was nehmen wir wahr? Wie erklären wir es? Und wie bewerten wir es? Für das Gespräch bedeutet das: Ich kann über mein Bild den Klienten stärker mit seinem Problem konfrontieren oder ganz bewusst davon weggehen und den Fokus auf Lösungsszenarien richten. Im Coaching ist das Zweite meist erfolgversprechender, in der Fachberatung vielleicht Ersteres.

Wie in dem Bild mit der Klippe, das du beschrieben hast?
Genau. Dafür möchte ich die Leserinnen und Leser mit UZMO 2 sensibilisieren: Bilder, und seien es auch ganz simpel gezeichnete, können starke Interventionen sein. Man muss sie im Gespräch bewusst und absichtsvoll verwenden.
Das ist mir auch bei den Fallbeispielen, die im Buch als Comic-Geschichten präsentiert werden, aufgefallen: Der «Visual Solution Scout» geht ganz unterschiedlich mit den Themen seiner Gesprächspartner:innen um: Mal hat er ein Template dabei, mal Bildkarten, aus denen der Klient auswählen kann. Mal wird ein Text auseinandergenommen und grafisch neu zusammengesetzt, mal ist es nur eine Geste, die zum Bild wird und so eine Transformation erfährt.
Ja, das war mir sehr wichtig: Es geht bei «Zwei Köpfe, ein Stift, eine Lösung» nicht nur um Coaching: Visual Solution Scouting kann dabei helfen, eine technische Einrichtung zu planen, einen juristischen Text zu verstehen, eine Firmenstrategie zu entwickeln oder eine Produktidee zu pitchen. Das macht das Thema für mich so faszinierend.
Diese Faszination spürt man, wenn man mit dir durch das Buch wandert! Wie geht es für dich und bikablo® nach der Veröffentlichung von UZMO 2 weiter?
Ich möchte vor allem mit dem bikablo®-Team an diesem Thema weiterforschen und lernen. Wir haben für die Leserinnen und Leser des Buchs eine kostenlose Online-Community eingerichtet, wo sie zusätzliche Videos, Literaturtipps oder Empfehlungen zu Visualisierungs-Material, Hard- und Software finden und wo ich mit ihnen ins Gespräch kommen möchte. Wir haben mittlerweile ein erstes Trainingslabor, wo wir die Didaktisierung der Methoden testen. Zudem bieten wir eine Ausbildung zum «Visual Solution Scout» an.
Das Buch von Martin Haussmann «Probleme lösen mit dem Stift» im Neuland Shop bestellen.
Auch den ersten Teil «Kreativ mit dem Stift» kannst du im Neuland Shop bestellen.
Autor
Martin Haussmann ist Kommunikationsdesigner, zertifizierter systemischer Coach und Gründer von bikablo. Er gilt als einer der Pioniere des Visual Facilitating in Europa und hat die bikablo®-Visualisierungstechnik entwickelt, mit der über Trainings und visuelle Wörterbücher bereits Tausende Menschen das Visualisieren gelernt haben. Als Autor der UZMO-Bücher, Trainer und Speaker ist er europaweit als Botschafter für visuelles Denken unterwegs.














